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Im Durchschnitt hat jeder Stromkunde die Wahl aus 90 verschiedenen Stromtarifen. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 1.100 Stromanbieter, die zusammen 13.000 verschiedene Tarife anbieten. Darunter sind sowohl Stadtwerke mit Grundversorgertarifen als auch alternative Angebote, zum Beispiel für Ökostrom. Die Auswahl ist also riesig. Trotzdem sind Stromkunden in Deutschland ziemlich wechselfaul: Nur 40% der Stromkunden haben in den vergangenen vier Jahren ihren Anbieter gewechselt. Dabei bietet der Strommarkt nach 19 Jahren Liberalisierung für jeden Bedarf das passende Angebot. Stromkunden können heute leichter denn je ihren ersten Schritt in Richtung Unabhängigkeit machen: Bereits der Wechsel des Anbieters hin zu einem Ökostromtarif ist eine Art der Emanzipation von der Energiebranche.

Die Liberalisierung des Energiemarkts hat den Verbrauchern mehr Macht gegeben

Die Öffnung des Strommarkts für alternative Stromanbieter begann 1998. Schon kurz nach der Öffnung erhöhte sich die Anzahl der Stromanbieter deutlich. Anfangs war es für neue Anbieter allerdings schwer, sich am Markt zu behaupten. Es fehlte an verbindlichen Regeln für die Netzdurchleitung. Wenn ein neuer Anbieter Strom an Kunden verkaufen wollte, konnten die Netzbetreiber die Gebühren für die Lieferung nach eigenem Ermessen festlegen. Viele der neuen Anbieter mussten schon in den ersten Jahren nach ihrer Gründung Insolvenz anmelden. 2005 übernahm dann die Bundesnetzagentur die Kontrolle und deckelte die Netzgebühren, sodass sich neue Anbieter endlich am Markt behaupten konnten. Seither ist die Zahl alternativer Stromanbieter stetig gewachsen. Heute hat jeder Kunde in seinem Postleitzahlengebiet rund 90 verschiedene Tarife zur Auswahl. Im Gegensatz zu früher haben wir als Verbraucher heute also eine große Marktmacht. Unzuverlässige oder dreckige Stromanbieter können wir mit einem einfachen Tarifwechsel abstrafen.

Stromtarif ist nicht gleich Stromtarif: drei verschiedene Arten von Stromtarifen

Wir können grob drei verschiedene Tarifarten für Strom unterscheiden. Die Unterschiede liegen im Preis und im Strommix, also in der Herkunft des Stroms:

Der Grundversorgungstarif

Der Grundversorgungstarif ist in den meisten Fällen der teuerste Stromtarif. Er stellt die Grundversorgung mit Strom dar und muss nicht explizit gebucht werden. Wenn wir zum Beispiel eine Wohnung beziehen und Strom verbrauchen, dann übernimmt der für unser Postleitzahlengebiet zuständige Grundversorger die Versorgung mit Strom. Oft sind dies die örtlichen Stadtwerke. Obwohl die Grundversorgung mit Strom oft weitaus teurer ist als alternative Tarife, ruhen sich viele Kunden in Deutschland aus: Noch immer beziehen rund ein Drittel aller privaten Stromkunden ihren Strom über den Grundversorgungstarif an ihrem Wohnort. Dabei beträgt die Kündigungsfrist bei Grundversorgungstarifen gerade einmal zwei Wochen. Er kann also problemlos gegen einen günstigsten Stromtarif getauscht werden.

Alternative Stromtarife

Wer sich nicht mit der teuren Grundversorgung abfinden möchte, kann einen alternativen Stromtarif wählen. Dies sind Tarife von verschiedenen Anbietern, abhängig davon, welche Versorger am jeweiligen Wohnort aktiv sind. Manche Stadtwerke, die häufig einen Grundversorgungstarif im Programm haben, bieten ihren Kunden auch Alternativen an. Hinzu kommen die großen Energieriesen mit ihren eigenen Tarifen sowie zahlreiche weitere Anbieter. Der Strom kommt hierbei aus verschiedenen Quellen, wobei die Zusammensetzung je nach Tarif unterschiedlich ist. Wie sie konkret aussieht, kann man im Strommix des Anbieters ablesen.

Ökostrom

Wer nachhaltigen Strom möchte, wählt Ökostrom. Diesen gibt es inzwischen von einer Vielzahl unterschiedlicher Anbieter. Auch die großen Energieriesen sowie die meisten örtlichen Stadtwerke bieten einen eigenen Ökostromtarif an. In jedem Fall lohnt sich ein Blick auf die Zertifizierung, denn nicht jeder Ökostromtarif trägt auch wirklich etwas zur Energiewende bei. Worauf man bei Ökostrom achten sollte, haben wir bereits in einem früheren Artikel beschrieben.

Wer regelmäßig seinen Stromtarif prüft, macht einen ersten Schritt in Richtung Unabhängigkeit

Die Wahlfreiheit, die uns die Liberalisierung gebracht hat, mag auf den ersten Blick kompliziert sein. Sie bietet Stromkunden aber eine große Chance. Bisher war man abhängig von wenigen großen Stromanbietern. Meist gab es vor Ort sogar nur einen einzigen Anbieter, der vielleicht zwei oder drei verschiedene Tarife in Abhängigkeit vom jährlichen Verbrauch im Programm hatte. Für Stromversorger war dies ein bequemes Geschäft: Strom musste abgenommen werden und es gab keine Konkurrenz, die mit einem besseren Service, günstigeren Preisen oder einem sauberen Strommix ihrerseits auf Kundenfang gingen.

Heute sorgt der freie Markt dafür, dass die Anbieter gegenseitig mit besseren und häufig auch günstigeren Angeboten im Wettbewerb stehen. Stromkunden können die Versorger durch diese Wahlfreiheit unter Druck setzen. So sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Ökostromtarife entstanden – aus dem einfachen Grund, dass die Energiewende von den meisten Menschen in Deutschland gewünscht ist. Ohne diesen Wettbewerb gibt es auch keinen Fortschritt. Und noch ein weiterer Aspekt ist bemerkenswert: Während wir bei der Energieversorgung früher in voller Abhängigkeit gefangen waren, können wir heute allein mit dem Wechsel des Stromversorgers den ersten Schritt in Richtung Unabhängigkeit gehen – zum Beispiel, indem wir einen günstigeren oder einen Ökotarif wählen. Wer seinen Stromtarif also regelmäßig einer Prüfung unterzieht, ist schon heute unabhängiger als Menschen, die sich mit ihrem Stromversorger einfach zufriedengeben.