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„Die Sonne schickt uns keine Rechnung“ – mit diesem Titel macht uns der Autor Franz Alt die Energiewende schmackhaft. Dass das mehr als ein markanter Spruch ist, zeigt die Aussicht auf die Energieversorgung der Zukunft. Sie wird uns Angebote bringen, bei denen Strom komplett kostenlos ist und das Versorgen in den Hintergrund rückt.

Wie kostenlose Energie möglich wird

In den Stromgestehungskosten, also den Gesamtkosten zur Erzeugung von elektrischer Energie aus einer bestimmten Quelle, stecken sowohl die einmaligen Investitionskosten für die Anlagen als auch die Betriebskosten. In den vergangenen Jahren sind die Kosten für Solarmodule und damit die einmaligen Investitionskosten stark gesunken. Gleichzeitig nimmt die Zuverlässigkeit der Module zu, wodurch Wartungen seltener nötig werden. Ähnliches gilt für Windräder. Schon heute wird in Deutschland zeitweise mehr erneuerbare Energie erzeugt, als die Netze vertragen können. Dies ist zum Beispiel in windigen Nächten der Fall. Hier ist die Nachfrage nach Strom gering, während Windkraftanlagen eine Menge Energie produzieren. Regelmäßig müssen in diesen Nächten Windräder abgeschaltet werden, um das Stromnetz nicht zu überlasten.

Nicht immer, aber dennoch zeitweise, gibt es also ein Überangebot an Strom und dieser Strom wird nicht etwa aus fossilen Brennstoffen erzeugt, sondern aus Sonne, Wind- und Wasserkraft. Im Gegensatz zu herkömmlichen Energiequellen sind die laufenden Kosten bei erneuerbaren Energien niedrig. Die sogenannten Grenzkosten, also die Kosten je zusätzlich produzierter Einheit, entsprechen bei grünem Strom null. Ist eine Anlage erst einmal in Betrieb, kostet jede produzierte Kilowattstunde Energie gleich wenig: nämlich gar nichts. Solange die Sonne scheint, produziert die Solaranlage schließlich Strom und schickt dafür, wie es Franz Alt sagt, keine Rechnung.

Bei der Kalkulation des Preises sind die variablen Kosten natürlich nur ein Teil der Rechnung. Einmalige Kosten wie die Planung und die Installation der Anlage werden zu gleichen Anteilen auf die produzierten Einheiten aufgeteilt. Wenn nun die Kosten einer Solar- oder Windkraftanlage durch effizientere Produktionsmethoden und zuverlässigere Systeme sinken, dann nähern sich auch die Kosten je produzierter Kilowattstunde der Null. Das Ergebnis ist nahezu kostenloser Strom, vorausgesetzt, wir bauen die erneuerbaren Energien weiter aus.

Kostenloser Strom ist in Texas bereits Realität

Dass kostenloser Strom kein Hirngespinst ist, zeigt das Beispiel Texas. Hier gibt es eine Reihe an Stromanbietern, die Strom zu bestimmten Tages- und Nachtzeiten kostenlos liefern. Der Grund hierfür ist simpel: Die vielen Windkraftanlagen produzieren auch dann Strom, wenn kaum Energie nachgefragt wird – zum Beispiel am Wochenende und in der Nacht. Verbraucher können dort also ordentlich sparen, wenn sie Wäsche und Geschirr nachts waschen. In Kombination mit einer eigenen PV-Anlage und einem Solarspeicher lassen sich die Ausgaben für Energie zusätzlich senken. Nahezu kostenloser Strom ist hier also bereits eine Realität.

Kunden fordern flexiblere Stromtarife

Kostenloser Strom passt zu einem Trend, den wir in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vermehrt beobachten werden und dem sich auch die großen Energieversorger nicht entziehen können: der Flexibilisierung von Angeboten am Energiemarkt. Dies ist eine unmittelbare Folge der Dezentralisierung unserer Stromversorgung. Verbraucher decken einen Teil ihres Bedarfs zunehmend selbst und ersetzen dadurch Kapazitäten aus großen Kraftwerken. Dabei geht auch die Marktmacht der großen Energieversorger auf viele kleine Versorger und Prosumenten über, während das mehr als 100 Jahre alte Geschäftsmodell der Energieversorger an seine Grenzen stößt. Sie müssen sich vom reinen Versorgen lösen und ihre Kunden mit anderen Angeboten locken. Kostenloser Strom zu bestimmten Uhrzeiten ist da nur ein Beispiel. Auch flexible Stromtarife mit unterschiedlichen Preisen je nach Tages- und Nachtzeit sind ein Schritt in diese Richtung.

 

 

Digitalisierung befördert den Trend zu kostenlosem Strom

Hinzu kommt der Trend zur zunehmend Automatisierung. Smart-Home bezeichnet Geräte im Haushalt, die mitdenken. Dies sind etwa intelligente Heizthermostate, Waschmaschinen oder andere Haushaltsgeräte, die ohne unser Zutun funktionieren. In Kombination mit selbst produziertem Strom aus Solar- oder KWK-Anlagen können sie uns dabei helfen, die zur Verfügung stehende Energie effizienter zu nutzen. Große Batterien können Strom im Haushalt zwischenspeichern und ebenfalls in ein intelligentes Zuhause eingebunden werden. Dieser „smarte“ Haushalt wird seinerseits Teil einer ganz neuen Versorgungsstruktur, die dank Digitalisierung mit einem intelligenten Stromnetz, dem sogenannten Smart-Grid, verbunden ist. So können alle Ebenen der Versorgungsstruktur, vom kleinsten Produzenten bis zum Verbraucher, miteinander agieren. Auch diese Entwicklung verlangt nach neuen, flexiblen Angeboten für Stromkunden, bei denen nicht mehr das Versorgen mit Strom im Vordergrund steht, sondern Service und Beratung. Auf den Punkt gebracht: Einfach nur Strom verkaufen wird sich in Zukunft nicht mehr lohnen. Stattdessen sind andere Angebote mit Mehrwert für die Kunden gefragt. Die Art und Weise, wie wir Strom produzieren, beziehen und verbrauchen, wird sich grundlegend ändern – mit großen Vorteilen für Verbraucher.