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Die Zeit der großen Energieversorger ist vorbei. Strom kommt in Zukunft nicht mehr aus wenigen großen Kraftwerken, sondern wird dezentral, teilweise direkt am Verbrauchsort produziert. Während die Wünsche der Verbraucherinnen und Verbraucher eindeutig sind: Mehr Nachhaltigkeit, mehr Service und flexiblere Tarife, tun sich die großen Versorger mit dem Wandel noch schwer. Was muss passieren?

Stromkunden wollen alternative Tarife

Große Stromversorger leben in der Vergangenheit. Die meisten ihrer Angebote für Endkunden beschränken sich auf das Versorgen. Es ist das über 100 Jahre alte Modell, bei dem Strom zentral in wenigen großen Kraftwerken produziert und dann in weitgehend einheitlichen Tarifen an die Verbraucher verkauft wird. Das Problem bei diesem Modell ist, dass es den sich verändernden Bedingungen nicht Rechnung trägt. Währung die Versorgungsstruktur jahrzehntelang aus wenigen großen Kraftwerken und vielen einzelnen Verbrauchen bestand, wandelt sich das Bild allmählich. Immer mehr Verbraucher produzieren ihren Strom (teilweise) selbst. Gleichzeitig entstehen kleine Kraftwerken, die Strom aus erneuerbaren Quellen gewinnen. Dabei wird die Versorgungsstruktur immer kleinteiliger und verlangt sowohl nach intelligentem Management und Smart-Grids als auch nach neuen Angeboten seitens der Stromanbieter. Laut einer Studie sind die Stromkunden längst offen für alternative Angebote. Nur viele Stromversorger hinken bei dieser Entwicklung noch immer hinterher.

Was Stromkunden wirklich wollen

Der Wunsch nach alternativen Angeboten auf dem Strommarkt ist bei der Mehrheit der Kunden also vorhanden: Strom aus der Nachbarschaft, Contractingmodelle für KWK-Anlagen, flexible Tarife in Abhängigkeit von Tages- und Nachtzeit. Dies sind nur einige Beispiele für Angebote, denen Stromkunden offen gegenüberstehen. Alle diese Modelle tragen nicht nur der sich verändernden Versorgungsstruktur Rechnung, sondern bringen Kunden auch einen Schritt in Richtung Unabhängigkeit und Kontrolle über die eigene Stromversorgung. Denn solange Strom zu jeder Uhrzeit und unabhängig von Wind und Wetter gleich viel kostet, wird es ein sogenanntes Low-Involvement-Produkt bleiben. Stromkunden haben in diesem Fall nur eine Chance, ihre Stromkosten zu senken, nämlich den Anbieter zu wechseln.

Hingegen erlauben flexible Stromtarife zum Beispiel, den Verbrauch so zu planen, dass wir möglichst wenig für unsere Stromversorgung bezahlen. Stromanbieter können dies zu einem kundenfreundlichen Service ausbauen, indem sie Rücksicht auf das individuelle Verbrauchsverhalten der Kunden nehmen. Wer jeden Mittag kocht und viel Strom verbraucht könnte so zum Beispiel gezielt einen Tarif aus günstigem Solarstrom angeboten bekommen, der um die Mittagszeit sauber und mit geringen Kosten zur Verfügung gestellt werden kann.

Weil dies leider noch weitgehend Zukunftsmusik ist, sollten Verbraucher auf bessere Angebote bestehen. Am besten tun sie dies, indem sie ihre Marktmacht gezielt einsetzen. Bei Ökostrom hat dies in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass nahezu jeder Stromversorger ein Angebot mit erneuerbaren Energien im Programm hat. Es wirkt also. Was können Verbraucher sonst noch tun, um sich von großen und behäbigen Stromversorgern zu lösen?

Drei Tipps für mehr Unabhängigkeit

Auf unserem Blog schreiben wir seit fast zwei Jahren über die regionale Energiezukunft und die Unabhängigkeit von großen Stromversorgern. Wir kennen uns mit dem Energiemarkt aus. Mit den folgenden Tipps könnt auch ihr etwas für den Wandel des Strommarkts tun, große Anbieter unter Druck setzen und eine dezentrale Versorgungsstruktur fördern:

1) Der einfachste Tipp für Verbraucher ist gleichzeitig der effektivste: Regelmäßig wechseln. Wie in diesem Beitrag bereits beschrieben, setzen Stromversorger auf eure Vergesslichkeit. In der Regel ist das erste Jahr das günstigste. Bereits nach Ablauf der Mindestvertragslaufzeit erhöhen viele Anbieter ihre Preise. Das gilt zwar nicht nur für große Versorger, sondern auch für die vielen kleinen Discounter. Mit regelmäßigen Anbieterwechseln aber setzt ihr die Versorger unter Druck, ihr Geschäftsmodell zu überdenken. Nicht mehr der treue oder vergessliche Kunde soll sich für sie lohnen, sondern der zufriedene Kunde, der von flexiblen und transparenten Konditionen profitiert.

2) Seit der Liberalisierung des Strommarkts ist die Zahl der Anbieter stark gestiegen. Inzwischen habt ihr die Wahl aus über 1.000 verschiedenen Tarifen von unzähligen Anbietern, die teilweise, aber nicht immer, miteinander verbunden sind. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, denn mitunter gehören mehrere Anbieter zum selben großen Konzern. Um Dezentralisierung zu fördern, wollen wir aber möglichst auf unabhängige und regionale Anbieter setzen. Sie sind näher am Kunden und am ehesten in der Lage, die Stromversorgung zugunsten einer dezentralen, unabhängigen Struktur zu verändern. Eine Liste mit wirklich unabhängigen Anbietern hat Utopia für euch zusammengestellt. Auch einige Stadtwerke sind unabhängig von großen Konzernen und investieren einen Teil ihrer Einnahmen in dezentral erzeugten Ökostrom.

3) Den Königsweg haben wir bereits in einer dreiteiligen Serie beschrieben: Strom selbst produzieren. Der klassische Weg führt über eine Solaranlage. Aber auch kleine KWK-Anlagen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, weil sie Wärme und Strom gleichzeitig produzieren und damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zwar sind Solaranlagen in den vergangenen Jahren deutlich im Preis gesunken, ein eigenes Dach braucht ihr dafür aber noch immer. Wenn ihr zur Miete wohnt, gibt es in einigen seltenen Fällen die Möglichkeit, Mieterstrom zu beziehen. Hierbei installiert euer Vermieter eine Solaranlage und verkauft den Solarstrom dann an seine Mieter. Der Gesetzgeber arbeitet gerade an den Rahmenbedingungen, um Mieterstrom in Zukunft weiter zu fördern. Sprecht euren Vermieter gerne darauf an. Gerade große Wohnungsbauunternehmen und Genossenschaften mit vielen Wohneinheiten sind für solche Investitionen offen.